The laudatory speech by Bruno Ganz in the original German version.

 

Sehr verehrte Damen und Herren,
schon immer, und heute besonders, hochgeehrter Claudio Abbado

Sind wir tief aufgewühlt, hat uns etwas im Innersten getroffen − wie man sagt −, dann neigen wir dazu zu verstummen. Wir schweigen. Wir schweigen, weil wir entsetzt sind, unter Schock stehen, verletzt sind.

Oder wir schweigen beseligt vor Glück und Ergriffenheit. Musik kann das mit uns machen: Ihre Fülle und ihr Reichtum, ihre grenzenlose Schönheit, die uns daran erinnert, wer wir sind, machen das mit uns. Musik − und ich glaube, nur die Musik vermag so unmittelbar an das Fundament des Menschen zu rühren. Darin ist sie der Sprache und auch den Bildern überlegen.

Nun soll ich hier aber sprechen und ich kann Ihnen nicht mit dem ersten oder zweiten Satz einer Bruckner- oder Mahler-Sinfonie kommen. Das ist des Maestros Königreich. Der Maestro ist ein großherziger König, er will uns beglücken, er nimmt uns gefangen und wir sind ihm auch noch dankbar dafür. Denn werden wir nicht dadurch, dass wir ganz Ohr sind, in unser Zentrum gerückt?

„Halt“, sagt mir ein Signal, ein Englischhorn vielleicht, hier ist „Sprachgrenze“; und „wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, sagt Wittgenstein.

Gut. Versuchen wir einen Umweg - un altro sentiero: Der Pfad, auf dem wir gehen, quert einen Hang. Wir gehen aufwärts, er vor mir, zügig, mühelos. Kaum hörbar das Atmen. Es summt im Gras, im niedrigen Gesträuch, aus den Alpenrosen. Der Himmel ist tiefblau, unten im Talgrund ein Bach, ein paar Gehöfte, ein Traktor, menschliche Stimmen. Steinchen knirschen unter den Schuhsohlen, loses Geröll rutscht weg. Eine Libelle fliegt vorbei - ich denke an seine Eleganz (und seine Anmut), wenn er vor dem Orchester steht, versunken in die Musik. Ich höre den Stoff unserer Hosen beim Gehen. Ein leichter Wind streift Arven und Föhren. Frieden. Bei Hölderlin, in einer anderen Landschaft, geht das so:

Gewässer aber rieseln herab, und sanft
Ist hörbar dort ein Rauschen den ganzen Tag;
Die Orte aber in der Gegend
Ruhen und schweigen den Nachmittag durch.

Ein Helikopter wird ihn bald von den Heidelbeeren weg in die Stadt (nach Luzern) bringen.

Es kommt vor, dass man ihn umarmen möchte. „Complimenti“, sagt man, und „großartig“ und „wunderbar“ und solche Sachen. Stimmt ja alles auch.

Der Maestro Claudio Abbado, noch immer in Arbeitskleidung sozusagen, lächelt glücklich und sagt schlicht: „Aa, che bella Musica“ − und damit sind nicht unsere Glückwünsche gemeint.

Was hört er oben, weit oben, im Fels hinter den Granitwänden, auf die er von unserem schmalen Wanderweg aus deutet? Ich frage, was er dort gemacht hat, warum er dahin wollte. Aus Neugier, antwortet er. Gepriesen sei seine Neugier. Er kann den Schnee hören - wen wundert’s.

Manchmal nach Konzerten, die Claudio Abbado dirigiert hat, mit einem seiner großartigen Orchester, wird es sehr still. Regungslos blicken hunderte Menschen im Saal auf das Podium, sie lauschen dem Gehörten nach, und es kommt mir vor, als würden sie in diesem Zustand verharren wollen - bis in alle Ewigkeit.

Ich soll hier nicht über Ewigkeit sprechen, sondern über Engagement und Investition in die Zukunft. Das klingt stark nach den Slogans unserer Banken, ist aber trotzdem nicht ganz falsch.

Früh schon hat sich Claudio Abbado jungen Musikerinnen und Musikern zugewandt. Er hat vor 33 Jahren bereits das European Union Youth Orchestra (1978) gegründet, 1981 dann das Chamber Orchestra of Europe.

Es folgten:
Das Gustav Mahler Jugendorchester (1986), das Mahler Chamber Orchestra (1997), das Lucerne Festival Orchestra (2003) und das Orchestra Mozart (2004).

Sie haben in Luzern auch Assistenten Claudios als Dirigenten erlebt, weitere werden folgen, da bin ich sicher, denn es ist Liebe, Liebe zur Musik, und die währt ewig, wie wir wissen. Und ist es nicht klug von den Jungen, etwas zu erwarten, um etwas von ihnen zu bekommen? Und ist es nicht schön, in jungen Gesichtern Begeisterung zu entfachen?

Unseren herzlichsten Glückwunsch, Claudio Abbado.

Danke. 

 

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